«

Die Hübschigkeit der Schauspieler

Film 60

19. Januar 2018

Film 59: Yentl (1983)

Yentl (1983)

von Barbra Streisand, mit Barbra Streisand, Barbra Streisand und Barbra Streisand, außerdem noch Mandy Patinkin, Amy Irving.

Mir wurde vorgeworfen, nur über meine Filme zu schreiben. Richtig ist, dass es mir zuletzt schwerfiel, zu den gezeigten Filmen etwas Sinnvolles beizutragen. Es folgt also jetzt ziemlich ungefiltert das, was ich notiert habe.

Was bisher geschah:
Der Löwe aus Dublin. Ihr seid wie meine 10. Klässler: Wenn die Musik einsetzt, fangen sie an zu reden. Empörung. Pause vor der entscheidenden Szene. Dann können wir uns weiter mit Getränken und Kräckern versorgen. Taschentuch-Herzschmerz mit Chipscrunch. Lautstärke hoch auf 15. Damit man noch was hört. Sehr romantisch. Nur Frau W. und ich kannten den Film noch nicht - ist ja klar, ist ja ein Frauenfilm -, und das obwohl ich mit meinem Chor bereits einen Song daraus gesungen hatte. Kompletten Abspann geguckt.

Dann die Diskussion:
Ich habe den nicht zusende gesehen. Und Barbra Streisand find ich einfach toll. Dieser Silberblick, wenn die Augen wegkippen. Und die Stimme ist sowas von stark, dass sie als Siegerin vom Platz geht. Plädoyer für das Lernen, den Verstand zu benutzen, man muss den gesamten Himmel sehen. Aufklärung pur, und kitschige Story. Ich mag Filme mit happy end. Es war doch ein happy end, oder? Wir sind uns nicht einig.

Frauenbild war furchtbar, Story unrealistisch. Beides ist wichtig: Sex und Reden. Das wäre die ideale Verbindung gewesen. Dass er sie als Frau verstoßen würde, darauf konnte sie nicht kommen. Darauf hätte sie kommen müssen. Ohne die Unterdrückung der Frau wäre es unerträglicher Kitsch. Das Thema interessiert immerhin. Schlimm, dass sich so viele Frauen in die Rolle einfinden. Nicht nur Anfang des 20. Jahrhunderts, auch heute.

Singen verdeutlicht Gedanken, Gefühle, aber das ist zu einfach. Schauspielern kann sie ja nicht. Es gab einen tollen Film mit ihr - anders als dieser - bei dem sie sich nicht so in den Vordergrund gestellt hat. The Way We Were. Den hätten wir mal gucken sollen. Singen in freier Wildbahn ist deplatziert, wundert sich Frau L. über sich selbst. 

Ohrwurm: Papa, Can You Hear Me. Hab ich gar nicht. Ist aber schlimm. Nervt irgendwann. Papa, Watch Me Fly auf einem Schiff namens Moskva. Ich gehe meinen Weg, auch wenn ich mein Land verlassen muss. Prag ist nicht Lublin.

Warum ist Barbra Streisand eine schwule Ikone? Wir wissen es nicht. Gesang, Kampf gegen Unterdrückung, Leben in der Szene von New York, Unterstützung der Schwulenbewegung vielleicht, was weiß ich. Das Singen stört so. Wir wissen nicht warum. Erneut. Frau W. widerspricht. Vielleicht weil nur sie selber singt. Die Streisand, nicht Frau W. Überhaupt ist ja wenig Platz in dem Film, außer für Barbra Streisand. Denn hübsch ist die nun wirklich nicht. Er hingegen sehr. Mit ihrer Nase hat es nur für die komische Nummer gereicht. Thomas und Bernd mögen mir verzeihen.

08. Dezember 2017

Film 58: Sommer in orange (2011)

Sommer in orange (2011)

von Marcus H. Rosenmüller, mit Amber Bongard, Petra Schmidt-Schalter, Georg Friedrich.

 
Ein typischer Film von der Pferdebesitzerin ruft Frau L. triumphierend aus, jemand anderes preist die Kraft der Integration, der Jetzt-nicht-mehr-nur-Gast-Theologe zeigt sich empört, wie schlecht die Spiritualität weg kommt und ich fühle mich an meinen AWT-Lehrer erinnert, der in seinen orangenen Klamotten von der Schule flog. Doch der Reihe nach.
 
Marie lebt mit ihrem Bruder und vielen anderen Kindern in einer Baghwan-Kommune in Kreuzberg. Und das ist toll, sie will dort nie wieder weg. Leider entscheiden die Erwachsenen anders und ziehen mit Sack und Pack und Kind und Kegel nach Niederbayern in ein 300-Seelen-Dorf, wo sie ein "Therapiezentrum" eröffnen wollen. Integrationsstress inklusive.
 
Der Film erzählt einerseits von der orangen Kommune mit sexueller Freizügigkeit, esoterischen Ritualen und größtmöglicher Freiheit aber auch nagender Eifersucht, vernachlässigten Kindern und unerfüllten Wünschen. Andererseits von der bayerischen Dorfgemeinschaft mit blaukarierter Bierzeltgarnitur, kleinkariertem Bürgermeister und jesusbewehrtem Klassenzimmer aber auch bäuerlicher Hilfsbereitschaft, freundlichem Entgegenkommen und liebenswerten Traditionen.
 
Wie im richtigen Leben gibt es kein schwarz-weiß, sondern haben beide Seiten ihre Gründe und Berechtigung. Im Guten wie im Schlechten. Die Hauptfigur im Film ist tatsächlich ein Mädchen von vielleicht 11 Jahren, insofern kann man Frau L. in Bezug auf den Filmgeschmack der Pferdebesitzerin Recht geben. 
Das Leben in der Kommune kommt am Ende sehr schlecht weg, und das, obwohl der Film ein integratives Happy End anbietet. Leider ist das doch eher aus der Luft gegriffen als organisch aus dem Film entwickelt. Mussten die Kinder doch feststellen, dass sie in keinem der Dorfvereine aufgenommen werden, weil sie eben so sind wie sie sind. (Nur der Musikverein macht eine Ausnahme. Natürlich.) Also von integrativer Kraft kann nicht wirklich gesprochen werden.
Die Spiritualität kommt genauso schlecht weg. Die esoterischen Rituale sind ohnehin suspekt (wenn nicht des Teufels, wie die vergnügliche Nachbarin bei jeder Gelegenheit zum Besten gibt) und sehen noch dazu albern aus, und die allgemeingültige Kirche dient eher der Verhinderung von Kontakten zwischen den beiden Gruppen. Der Pfarrer wurde außerdem so verklemmt gespielt, dass da schnell gewissen Assoziationen aufkamen. 
 
Und mein Lehrer? Nun ja, der flog nicht wegen seiner orangenen Klamotten von der Schule.
 

17. November 2017

Film 57: Pianomania (2009)

Pianomania (2009)

von Robert Cibis und Lilian Frack, mit Stefan Knüpfer, Pierre-Laurent Aimar, Lang Lang, Alfred Brendel.

 
Wie einen Klang beschreiben? Als charakteristische Schwingung, in vier Abschnitte eingeteilt werde kann? Anstieg, Abfall, Halten und Freigeben (attac, decay, sustain, release oder auch ADSR - wow, das heißt wirklich so). Der Klang scheint so so viel mehr zu sein. Gefühl. Klang erzeugt Gefühl. Doch wie ein Gefühl beschreiben? Die Nichtmusiker untern den Filmclubbern betonen, dass die Akteure im Film eine ganz eigene Sprache hätten, ihre Vorstellung des Klangs zu beschreiben. Die sehr kompliziert sei. Und dass sie sich auch einfacher ausdrücken könnten. Man könne das nicht ganz ernst nehmen. 
Der Klang ist direkt oder mulmig, ist da und manchmal zu sehr da, blass in der Länge, intim oder diskret oder klar. Klavierstimmer und Klavierspieler konnten sich dann sehr gut verständigen konnten, wenn sie dafür nicht Worte, sondern Gesten benutzten. "Soll der Ton eher so sein - bffh - oder eher so - uhh.“ Eindeutig ist das alles überhaupt nicht. Und doch verstehen sich die beiden. Wenn auch kaum jemand sonst.
 
Das sei die eigentliche Arbeit, meint jemand. Den Ausgleich zu schaffen zwischen dem meisterlich beherrschten Handwerk und den künstlerisch abgedrehten Vorstellungen der Pianisten. Die Hierarchie zwischen beiden ist klar: der Klavierstimmer sagt eben nicht, dass die Vorstellungen nicht umsetzbar seien. Er bleibt ruhig, wenn jemand verlangt, dasselbe Instrument solle mal nach Klavier, dann nach Clavichord und dann wieder nach Orgel klingen. Sieht es als Herausforderung und die Fehlschläge als Forschung. Je länger der Film dauert, desto faszinierender wird der Mann, der selbst beteuert, dass er froh sei, wenn das Publikum in den Saal kommt, von der Bühne runter zu dürfen. Aber geliebt hat er seine Instrumente: Als Flügel Nr. 109 verkauft wurde (an David Helfgott übrigens, der Pianist aus Shine), war er sehr geknickt.
 
Der Dokumentarfilm Pianomania hat tatsächlich zu einer sehr lebhaften Diskussion geführt. Es fielen so Sätze wie Ohne euch hätte ich abgeschaltet oder Als Klavierstimmer muss man echt Masochist sein oder Der Dirigent tanzt dem Orchester die Partitur vor. Abgeschwiffen sind wir nur einmal, als Frau L. ein Streitgespräch über Sinn und Status eines Dirigenten vom Zaum brach. Es sei ihr verziehen, musste sie diesmal doch doppelt leiden: Die Musik war ohne Gesang und zum großen Teil von Bach.
 

21. Oktober 2017

Film 56: Paterson (2016)

Paterson (2016)

von Jim Jarmusch, mit Adam Driver und Goldshifteh Farahani.

Der Film beschreibt einen Ausschnitt aus dem alltäglichen Ablauf des Lebens eines Busfahrers, seiner Frau und ihres Hundes. Ziemlich unaufgeregt. Man hat jede Menge Zeit, sich auf Details zu konzentrieren, z.B. die Mimik des Hundes. Alle Beteiligten waren sich einig, dass keiner im Ort Paterson tot über den Zaun hängen möchte.

22. September 2017

Film 55: Der Mann, der Liberty Valance erschoss (1962)

Der Mann, der Liberty Valance erschoss (1962)

The Man Who Shot Liberty Valance von John Ford, mit John Wayne, James Stewart, Lee Marvin und Vera Miles.

In aller Kürze: Amerikas Helden steigen auf aus dem Blut ihrer Feinde. Nicht immer ist es sinnvoll, die Wahrheit zu sagen. Wir wollen weiter an unsere Helden glauben. Wieviel Demütigung erträgt ein Mann? Die Feder ist eben doch nicht machtvoller als das Schwert (hier: der Colt). 
Und: Endlich mal wieder ein Western. Schon wieder mit Lee Marvin. Bechtel-Test (natürlich) nicht bestanden. 

11. August 2017

Film 54: Die Geschichte der 1002. Nacht (1969)

Die Geschichte der 1002. Nacht (1969)

von Peter Beauvais, mit Johanna Matz, Helmut Qualtinger, Greta Zimmer, Dietmar Schönherr.

Ich habe den Film verpasst. Musicalvorbereitungen. Über die Romanvorlage von Joseph Roth schreibt thalia.de: „Bei seinem Staatsbesuch in Wien äußert der Schah von Persien den dringenden Wunsch, eine Nacht mit der schönen, verheirateten Gräfin W. zu verbringen. Diplomatisch betrachtet eine heikle Situation. Da entsinnt sich Rittmeister Taittinger einer abgelegten Geliebten: Die kleine Mizzi Schinagl aus Sievering sieht der Gräfin sehr ähnlich. Für den Hof eine elegante Lösung, für Mizzi, die Taittinger noch immer liebt, eine ›1002. Nacht‹ mit weitreichenden Folgen. Ihr Lohn, ein wertvolles Perlenhalsband, wird ihr und Taittinger zum Verhängnis.“

M berichtet hinterher, dass der Film sehr, sehr lang gewesen sei, sie drei Kapitel ausgelassen und nur noch den Schluss angesehen hätten. Er habe kein gutes Ende genommen. Und der Wiener Schmäh sei an einigen Stellen schwer zu verstehen gewesen. Die Diskussion hätte ich gern miterlebt. Wenn ich dabeigewesen wäre, wäre ich explodiert, behauptet Frau Wiesenraute. Sie bat darum, bestand darauf, verlangte fast, in der Filmbesprechung ein paar mehr empörte Ausrufezeichen unterzubringen, ich hätte viel zu nett über den Film geschrieben! 

Also: Der Film war unsäglich langatmig! Insgesamt vier (!!) Stunden lang, und es war verabredet gewesen, dass nur den ersten Teil geschaut wird, doch dann wurde der zweite Teil auch noch eingelegt!!! Es war schlimmer als der Engel mit der Posaune!!!! Es musste ständig über den Film diskutiert werden, der überhaupt nicht diskutierenswert war!!!!! Zum Teufel mit der Regel, wenn es doch viel Wichtigeres zu besprechen gibt! Das Ende war völlig belanglos!!!!!! 

PS: Der Film war so abwegig, dass nicht mal die International Movie Database ein Cover von dem Film hat. Gibt es überhaupt eins?

02. Juni 2017

Film 53: Freundschaft fürs Leben (1989)

Longtime Companion (1989)

Longtime Companion von Norman René, mit Campbell Scott, Bruce Davison, Mark Lamos, Mary-Louise Parker, Stephen Caffrey.

"Longtime Companion" habe ich zum ersten und bisher letzten Mal vor 25 Jahren gesehen. Er war gewissermaßen mein Einstieg in die schwule Welt, der Beginn meines Coming Outs. Er ist ein Film über das Leben, die Freundschaft, die Liebe und das Sterben - und das alles mit AIDS. Im New York der 80er Jahre werden vier schwule Paare begleitet, wie sie mit der aufkommenden neuen Krebsart, der "Schwulenpest", wie die Krankheit bald genannt wird, umgehen. Anfangs ist nichts bekannt, nicht, wie sie übertragen wird, nicht, welche Ursachen sie hat, nicht wann sie ausbricht - sicher ist nur, dass sie jeden tötet, der sie hat.

Jemand erkundigt sich neugierig: "Was ist eigentlich Poppers?"

Auch die schwule Welt New Yorks ist zweigeteilt, wie die bigotte Gesellschaft überhaupt: Hier die Braven, die nach dem heterosexuellen und konservativen Bild einer Beziehung streben und ihre Homosexualität im Büro und selbst am Filmset verstecken (müssen), und da die Bösen, die Promisken, die ständig Poppers und andere Drogen nehmen, die aber im Film natürlich allenfalls am Rande auftauchen. Das Problem ist nur: Die Krankheit befällt auch die Braven. Interessant sei, dass die Freunde selbst auch auf die Idee kämen, dass es mit Drogen und unanständig viel Sex zu tun haben könnte. Na klar, denn das machen ja nur die bösen Jungs. Oder?

Angst. Todesangst lässt die langjährigen Freunde nach einer Berührung in Panik geraten, lässt sie verzweifeln und verleugnen, lässt sie enthaltsam werden. Der Film zeigt in beeindruckender Weise ihre Hilflosigkeit im Angesicht der todbringenden Krankheit. Aber er zeigt auch die Hilfsbereitschaft, die Solidarität und die Lebensfreude, die die Freunde füreinander und miteinander empfinden. Dass es sich um schwule Paare handelt, gerät bald in Vergessenheit, so normal ist das Leben mit AIDS im Alltag. Es könnten ebensogut heterosexuelle Paare sein, die sich dieser Herausforderung stellen müssten. Aber die smaragdgrüne Badehose, die da so lasziv durchs Bild stolziert, ist nun mal nicht für heterosexuelle Augen gemacht, sagt Frau L. Ebenso wenig wie das zauberhafte rote Paillettenkleid, das beinahe zusammen mit Shaun verbrannt worden wäre.

Philadelphia sei viel rührender gewesen. Da werde es immer dramatischer, immer trauriger, immer tränendrüsiger, ohne Unterbrechung. Hier wechseln traurige mit fröhlichen, absurde mit realen Szenen ab. Hier sei der Film - anders als bei Philadelphia - insgesamt hoffnungsvoll und nicht so schlimm wie gedacht.

Fuzzyso: „Was wohl geschieht, wenn wir beide im Himmel sind.“
Willyso: „Wir schlafen wieder miteinander. — Hoffe ich.“

Und trotzdem hat die Angst vor Ansteckung auch mich erfasst, als ich „Longtime Companion“ vor 25 Jahren zum ersten Mal sah. Und erst als die wissenschaftliche Forschung Jahre später herausfand, wie man sich wirksam vor AIDS schützen kann - durch die Verwendung von Kondomen beim Sex nämlich - und dass Küssen doch gar nicht ansteckend ist, ließ die Angst allmählich nach. „Da wäre ‚Trick‘ als Einsteig besser gewesen“, schenkt mir Frau Wiesenraute ihr Mitgefühl.

20. April 2017

Film 52: Flucht ins 23. Jahrhundert (1976)

Logan's Run (1976)

Logan's Run von Michael Andersen, mit Michael York, Jenny Agutter und Peter Ustinov.

Obwohl Logan's Run mit dem unaussprechlich schlechten deutschen Titel ein durchaus ernst gemeinter Film ist, gelang es den Filmclubmitgliedern nicht, mit den Kommentaren bis nach dem Film zu warten.
Himmelfahrtsnase, Amazone, Eisprinzessin waren nur einige der Ausdrücke für die weibliche Hauptdarstellerin. 
Der Reichtum an Kommentaren mag an der typischen Science-Fiction-Ausstattung gelegen haben, an der man mit hoher Treffsicherheit das Alter des Films erraten kann. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Hauptfiguren trotz aller Demolition immer perfekt geschminkt waren. Vielleicht lag es aber auch an der Absurdität der Situation, z. B. mit Box, einer rollenden Minipyramide mit menschlichem Kopf und zwei Spiralarmen: "Ich bin mehr als ein Mensch oder eine Maschine..." - "Ein Ofenrohr!" - "Genau genommen zwei." - noch bevor der arme Menschroboter seinen Satz mit "Ich bin die geniale Mischung aus beidem" vollenden konnte.
 
In Logan's Run ist die Menschheit durch eine Naturkatastrophe nahezu vernichtet, nur eine kleine Gruppe hat unter einer Kuppel überlebt. Computer und Maschinen nehmen den Menschen alle Arbeiten ab und bieten ein friedliches, sorgenfreies und entspanntes Leben mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten. Als Gegenleistung werden alle über 30 "erneuert", die, wenn sie stark sind, als Kinder in den Brutmaschinen wieder auftauchen. Wann es Zeit ist, sich erneuern zu lassen, wird einem tagtäglich durch die Lebensuhr vorgeführt, ein in der Handfläche eingelassener Edelstein mit vier Farben: weiß für die Kinder, dann gelb, grün und schließlich rot. Natürlich gibt es auch Menschen, die sich ihrem Schicksal nicht ergeben wollen: die Läufer. Die werden von den Sandmännern gestellt und getötet (mit viel morbider Freude übrigens), bevor sie die "Zuflucht" erreichen können. Logan, selbst ein überzeugter und erfolgreicher Sandmann wird vom obersten Computer insgeheim beauftragt, sich als Läufer zu tarnen, die Zuflucht zu finden und zu zerstören.
 
Als erfahrene Quest-Film-Gucker wissen wir schnell, dass der systemtreue Logan sich zum Retter, also eigentlich zum Erlöser, der computerkontrollierten Stadt entwickeln wird. Spannend ist dann nur noch, welche Aufgaben ihm gestellt werden, ob (wann) er seine hübsche Begleiterin küsst und die Frage, ob diese ominöse Zuflucht tatsächlich existiert. 
Diese Frage und die Nähe zur christlichen Lehre wurde dann auch vom Haustheologen in der Diskussion als erstes hervorgehoben. Überhaupt die ganzen christlichen Motive: Adam und Eva im Paradies (gegessen wird im gesamten Film nicht, also auch keine Äpfel), der Wunsch, den alten Mann zu streicheln, der Brudermord, die Sehnsucht nach Zuflucht. Sanctuary. Ein Heiligtum, in dem man Asyl findet. Das sozialverträgliche Frühableben will aber nicht so ganz dazu passen.
 
Man ist sich einig, dass die Botschaft des Films ein Plädoyer für die Menschlichkeit, die Ehe und die Nation ist. Über die Bewertung gehen die Meinungen auseinander. Letztendlich ist es eine sehr konservative Botschaft: Das Neue ist schlecht, die Technik muss weg, so wie es früher war, muss es wieder werden. Insofern hinterlässt das in dieser Dystopie ohnehin deplatzierte Happy End einen schalen Beigeschmack.
 

11. März 2017

Film 51: Junikäfer (2004)

Junebug (2004)

Junebug von Phil Morrison, mit Embeth Davidtz, Alessandro Nivola, Amy Adams, Ben McKenzie, Scott Wilson, Celia Weston

Endlich. Ich glaube das, was nach dem Film geschah, war das, was die Erfinder des Filmclubs im Sinn hatten, als sie die Regel mit der "möglichst gepfefferten Diskussion" erdachten. Denn das war sie in der Tat. Lautstark und kontrovers. Ohne Happy End und ohne Sieger. Und das obwohl das zunächst gar nicht zu erwarten war, denn das Gespräch begann - wie eigentlich immer - mit einer lebhaften Diskussion über „Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“.
 
"Junikäfer" machts möglich. Ein Film, der selbst voller Gegensätze ist, voll unterschwelliger Aggression und offener Unterdrückung. Im Grunde wird das Leben einer Familie vom Lande dargestellt, das trostloser nicht sein könnte. Die drei Paare mit den sechs sehr unterschiedlichen Charakteren bieten ein weites Feld der Interpretation.
 
Madelaine ist Galeristin aus Chicago, eine selbstbewusste Frau mit einem erfüllten Leben. Sie ist verheiratet mit George, dem ältereren Sohn der Familie vom Land. Der kehrt nach drei Jahren dorthin zurück, weil seine Frau in der Nähe einen neuen Künstler entdeckt hat. Sein Bruder Johnny ist der jüngere Sohn der Familie. Der wohnt wieder zuhause, spricht nicht, steckt voller unterdrückter Aggressionen und ist jedem in allen Belangen unterlegen. Allen. Sein Frau Ashley ist der heimliche Star des Films (je nach Blickwinkel). Sie ist naiv, positiv und lebensbejahend und füllt ihr leeres Leben an mit einem endlosen Schwall von Wörtern. Sie passt deshalb perfekt zu Johnny und ist von ihm schwanger. Eugene, der Vater der Familie, spricht ebenfalls nicht, schnitzt aber einen Vogel und sieht ein wenig autistisch aus. Er erträgt die Ehe mit Peg, der Bestimmerin, Führerin und Unterdrückerin aller Männer im Haushalt. Sie bildet das konservative Zentrum der Familie und Bollwerk gegen alles Moderne und Blasphemische. Dennoch ist sie eifersüchtig auf Madelaine, weil die ihr Leben selbst in die Hand genommen hat. Und natürlich, weil George sie liebt.
 
Soweit waren wir uns einig. Alle weiteren Anmerkungen und Interpretationen gingen teils sehr weit auseinander. Johnny z.B. war gleichzeitig sympathisch und machte Angst. Oder Madelaine war gleichzeitig die beneidenswerte Weltenbummlerin und die bemitleidenswerte Frau, die nicht weiß, worauf es im Leben ankommt. Ober Ashley war gleichzeitig eine dumme Person, deren Lebensinhalt das Shoppen und Reden darüber ist und die einzige, die ihre psychische Gesundheit bewahrt hat. Es bleibt uneindeutig, wem man seine Sympathien geben sollte. Nur Peg geht in dieser Hinsicht lehr aus.
 
Was war die Botschaft des Films - die Zerrissenheit von George, der für die Familie seine Ehe aufs Spiel setzt, und gleichzeitig froh ist, ihr wieder entfliehen zu können? Wo wird man glücklicher - auf dem Land oder in der Stadt? Hat man hier eine fesselnde Sozialkontrolle zu ertragen und kann sich in der Not aber auf die Familie verlassen, die einen liebt; hat man dort die Freiheit, sich selbst zu entfalten, auf Kosten der Einsamkeit in der Not?
 
Eindeutig waren hingegen die Sexszenen und die Sexdarstellungen des verrückten Künstlers, aber die kommen in der Diskussion nur am Rande vor. Kein Wunder, haben wir doch diesmal nur über das Uneindeutige gesprochen.
 

27. Januar 2017

Film 50: Vaya con Dios (2002)

Vaya con Dios (2002)

von Zoltan Spirandelli, mit Michael Gwisdek, Daniel Brühl, Matthias Brenner

Die Frage "Was ist das für ein Film" kann ich nicht kurz beantworten. Unser Gasttheologe hat für uns diesen Film ausgesucht, und eins ist er ganz sicher nicht: Klamauk, so wie die letzten Male.
 
Drei Mönche müssen ihrem sterbenden Abt versprechen, ihr 200 Jahre altes Regelwerk in das Schwesterkloster nach Italien zu bringen. Wegen dieser Regel nämlich wurden sie von den Jesuiten exkommuniziert. Mit einer ebenfalls 200 Jahre alten Karte versuchen Sie, den Weg zu Fuß durch das Königreich Bayern zu finden. Ein Roadmovie also, nur langsamer.

Der alte Benno, der Bibliothekar, der immer in den Schriften geforscht hat. Der dicke Tassilo, der Bauer, der sich um das leibliche Wohl genauso wie um das geistliche sorgt. Und eben der hübsche Ardo, der Jüngling, der im Kloster aufgewachsen ist und nur singen und beten kann. Eine Sozialstudie also, nur nicht so trocken.

Die Musik, das gemeinsame Singen, ist ihre Verbindung zu Gott und so spielt denn auch die Inzidenz-Musik eine wesentliche Rolle in dem Film. Chiara verliebt sich in Ardo, während er singt, Tassilo merkt, dass er doch zu seinen Brüdern zurückkehren muss, weil er singen will, und selbst Benno kann sich nicht dagegen wehren mitzusingen, als seine Brüder "Wer nur der lieben Gott lässt walten" anstimmen (die ergreifendste Szene des Films mit Tränengarantie). Ein Musikfilm also, nur ohne Choreographie.

Die drei Mönche (sie unterhalten sich in der Anwesenheit des Abtes in fließendem Latein) werden mit einer so dermaßen fremden Welt konfrontiert, dass es sehr amüsant ist zuzuschauen, wie sie damit umgehen. Tassilo: "Ich weiß, was das ist. Das ist ein Telefon. In unserem Dorf gab es auch so eins, allerdings nicht zum Wegtragen." Eine Komödie also, nur nicht so platt.

Doch zuallererst geht es um den Glauben. Bei allen Versuchungen, die auf die Mönche einprasseln, müssen sie sich jeden Tag neu entscheiden, ob sie als Mönche leben wollen oder nicht. Alle drei werden auf die Probe gestellt. Alle drei erliegen der Versuchung: der Bauer dem Trecker, der Bibliothekar den Schriften und der Jüngling der Liebe. Und alle drei finden am Ende heraus, das nicht Gott es ist, der die richtige Entscheidung trifft, sondern sie selbst. Dass sich der Jüngling für die Liebe entscheidet (ein Glück, so hübsch wie der war, wäre das auch Verschwendung gewesen), ist Happy End und Tragödie zugleich. Ein Drama also, nur nicht so dramatisch.

Man schaut ungläubig auf diese Mönche, die so weltfremd auf alles verzichten, was uns als notwendig erscheint. Und doch möchte man mit ihnen tauschen, scheinen sie doch die einzigen zu sein, die noch wissen, was wirklich wichtig ist im Leben: der Glaube, der Gesang und die Liebe - zu Gott, den Brüdern und, in Ardos Fall, zu Chiara. 

Was ist das für ein Film? Es ist eine idealisierte Sicht auf die (innere) Reise dreier Mönche: herzergreifend und tiefgründig spirituell und herrlich lustig. Den Gasttheologen wird es freuen.

Ach ja, 

  • die Jesuiten sind kriminelle Machtpolitiker.
  • den Weg zu Gott ohne die Kirche zu suchen, nur durch Gesang, das ist gefährlich.
  • es ist eine Unsitte, dass die nicht sagen, wo die das gedreht haben.
  • es ist eine Unsitte, immer sofort alles googeln zu wollen.
  • Frau L. erinnert sich immer, wenn sie schon mal wo war.
  • warum der Titel spanisch ist, bleibt schleierhaft. Klingt wohl besser als Geh mit Gott.
  • der böse Boss will nach Rio.

19. November 2016

Film 49: Das Mädchen aus der Cherry-Bar (1966)

Gambit (1966)
Gambit von Ronald Neame, mit Shirley MacLane, Michael Cane.
 
Die illustre Gesellschaft spaltete sich diesmal in drei Teile: die lauten Ablehner, die leisen Befürworter und die stillen Schweiger. Die Diskussion über den Film war dennoch schnell erschöpft, weil sich alle darüber einig waren, dass der Film Unterhaltung ohne Botschaft lieferte. Wie schon der vorvorige Film. Welche Qualität die Unterhaltung hatte, wurde zwar erörtert, aber nicht am Beispiel dieses Films, sondern durch nacherzählte Szenen aus allen möglichen anderen Filmen. Dass Klamauk blöd ist, ja, aber war das Klamauk? Der Vorteil dieses Films: er ist Liebeskomödie, Diebeskomödie und Schmierenkomödie in einem. Je nach Blickwinkel.
 
Das Mädchen aus der Cherry-Bar lautet der dämliche deutsche Titel. Nicht, dass der etwas mit dem Inhalt des Films zu tun gehabt hätte. Gambit kann im Gegensatz zu Arabesque nicht überzeugend unterhalten. Da nützt es auch nichts, dass das Remake von 2012 mit Cameron Diaz und Colin Firth angeblich noch klamaukiger sei. Shirley MacLane kann es eben nicht mit Sophia Loren aufnehmen (man möge mir verzeihen), (damals noch ohne Sir) Michael Cane mit Gregory Peck zwar schon, aber er hatte eben diese arrogante Rolle in einem schlecht sitzenden Anzug zu spielen, und das ist ja nun mal alles andere als attraktiv. Und die abrupte Wendung zum Liebhaber kauft man ihm nicht ab. 
Aber ein Happy End muss sein. Sowieso. In diesem Zusammenhang fiel auch der Satz: "Ohne Shirley MacLane wäre der Film langweilig." Mit auch. Allerdings: das manierierte Pulen einer Orange zu einer Blüte hat Frau L. seinerzeit im Kino sehr beeindruckt. 
 
So wundert es nicht, dass die Diskussion ihren spannendsten Teil hatte, als über die Reparatur der teuren Designerlampe gesprochen wurde. Das nächste Mal bitte was ganz anderes.
 

15. Oktober 2016

Film 48: Heil, Cäsar! (2016)

Hail, Caesar! (2016)

Hail, Caesar! von Joel und Ethan Coan, mit Josh Brolin, George Clooney, Ralph Fiennes, Jonah Hill, Scarlett Johansson, Frances McDormand, Tilda Swinton, Channing Tatum

Verpasst. Ooooh.

03. September 2016

Film 47: Arabeske (1966)

Arabeske (1966)
Arabesque von Stanley Donen, mit Sophia Loren, Gregory Peck
 
Also erstmal vorweg: Dieser Text basiert ausschließlich auf den Notizen, Erinnerungen an den Film gibt es keine. Das stützt die Hauptthese der Besprecher, dass der Film zwar Unterhaltung, gute Unterhaltung nebenbei, auch einen gewissen angedeuteten Reiz, aber eben keine Botschaft böte. 
 
Die Unterhaltung sei sehr kurzweilig gewesen, etwa wie in einem James Bond Film. Das ist einhellige Meinung. Die Verfolgungsjagden zu Fuß im Zoo oder Mensch gegen Mähdrescher im Weizenfeld oder der Stierkampf auf der Autobahn bewiesen das - da hätte nur noch die Sense gefehlt. Auch der Reiz käme nicht zu kurz, was durch die Hübschigkeit der Schauspieler und insbesondere in der Duschszene zum Ausdruck käme. Gute Unterhaltung ohne Botschaft eben.
 
Abgedriftet zu Scharade.
 
Und überhaupt, die Loren. Sie habe ja nie zugelassen, unkeusch gezeigt zu werden.  "Die könnte ja auch Garderobe haben", posaunte Frau L. empört angesichts der schmucklosen Kleider, die die Loren anziehen musste. Wahrscheinlich sollte so ihr Gesicht besser zur Geltung gebracht werden, das zwar über 30 sein müsse, aber ebenmäßig schön geschnitten sei. Leider könne man aber ihre mandelförmigen Augen nicht sehen, weil die totgeschminkt seien. Ebenso, wie die zu Arabern Geschminkten. Die wurden durch die Maske grotesk überzeichnet und dadurch unfreiwillig unterhaltsam. Wie man in den 60ern eben über ausländische Mitbürger dachte. Wenn der Film eine Botschaft hatte, dann diese.
 
Abgedriftet zu 2001 - Odyssee im Weltraum. Und vom Gasttheologen unsanft wieder zurückgeholt.
 
Natürlich hat der Film den Bechdel-Test nicht bestanden. Die rote Loren kann sich ja schlecht mit sich selbst über etwas anderes als Männer unterhalten. Aber immerhin entwickelt sich der langweilige Universitätsprofessor zu einem echten Draufgänger, der die erste Chance, aus seinem Alltag auszubrechen, dankbar ergreift. So muss gute Unterhaltung sein, wer braucht da schon eine Botschaft.
 
Abgedriftet zu Butch Cassidy and the Sundance Kid.
 
Lobend erwähnt wird zwar nicht die Botschaft, aber die filmischen Techniken. Zum Beispiel werden häufig und immer wieder Spiegelbilder gefilmt. Rot ist auch ein Motiv. Der Wagen, das Kleid, der Mähdrescher, der Hubschrauber, der Abrisskran, die Jacke auf der Autobahn: alles rot. 
 
Also: ein toller unterhaltsamer Film ohne Botschaft, bei dem aber immer wieder etwas passiert, sodass man nicht einschlafen kann. 
 
02. August 2016
 

Film 46: Galaxy Quest (1999)

Galaxy Quest (1999)

Planlos durchs Weltall  von Dean Parisot, mit Tim Allen, Sigourney Weaver, Alan Rickman

Jetzt also doch ein Alan Rickman-Gedächtnisfilm. Ooch, davon hab ich ja gar nichts, sagte die Mitwanderin, als sie erfuhr, dass der Film eine Parodie der Star Trek ist.
 
Galaxy Quest ist eine Sciencefiction-Komödie mit einem klassischen Quest: Eine Gruppe Menschen, die sich überhaupt nicht leiden können, wachsen durch die Absurdität der Geschichte und im Angesicht des sicheren Todes zu einer heldenhaften Mannschaft zusammen, die füreinander die Hand ins Feuer legen — ach, was sag ich — die füreinander sterben würde. Dass diese Entwicklung so derart unterhaltsam ist, liegt an den herrlich überzeichneten Charakteren. Die sind auch dann noch witzig, wenn man das Original gar nicht kennt. Sagt jedenfalls die Mitwanderin. Und die muss es wissen.
 
Sie attestiert den Drehbuchautoren auch gute Arbeit. Es sei eine witzige Idee, eine Alienrasse mit 5-12 Saugnapftentakeln alle technischen Geräte einer Fernsehserie nachbauen zu lassen, sie dann auf die Erde kommen und die Crew der Serie, die sie für echte Astronauten halten, um Hilfe bei der Rettung ihres Volkes bitten zu lassen. 
 
Herrlich sind die als Menschen verkleideten Aliens, die lustig laufen und klatschen und ständig übertrieben grinsen, weil sie glauben, dass Menschen das so tun. Herrlich ist auch die Alien-Urmutter Sigourney Weaver, die auf diesem verdammten Schiff nur eine Aufgabe hat, nämlich die Sätze ihres Commanders zu wiederholen, und das macht sie gut. Und Herrlich ist auch, wie sie sich, während sie von Riesenhammern und Flammenwerfern bedroht wird, über das Drehbuch beschwert.
 
Überhaupt transportiert der Film viele Botschaften. Hier ein Auszug derer, die wir in der Besprechung genannt wurden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
  • Nur gemeinsam sind wir stark.
  • Es muss nicht immer nur einer im Mittelpunkt stehen.
  • Auch eine unwichtige Aufgabe kann mit Hingabe erfüllt werden.
  • Man sollte seine Fans nicht unterschätzen.
  • Das Fernsehen sendet "historische Dokumente".
  • Auch ein Satz, den man hasst, sagt man irgendwann mit Überzeugung.
Der beste Satz kam fast am Schluss: Wir essen um sieben, sprach die Mutter während der Junge zwischen Müllrausbringen und Zimmeraufräumen die Welt retten muss. Da musste selbst Frau L. lachen, die den Film kurz danach mit dem Satz, was für ein Schmarrn treffend zusammenfasste.
 
13. Mai 2016
 

Film 45: Tatis herrliche Zeiten (1967)

Tatis herrliche Zeiten

Playtime von Jacques Tati mit Jacques Tati, Barbara Dennek, Reinhard Kolldehoff

Das ist er also: der Film zum Neustart des Nach-G-Filmclubs. Der Name ist geblieben, Beamer und Leinwand sind immer noch groß, hängen jetzt aber in Eschede bei M, dem Nachfolger von Kollegin G. im Club.
 
"Endlich vorbei!“ war der erste Kommentar, als der Abspann einsetzte. Mann, war das anstrengend. Die Handlung ist schnell erzählt: es gibt keine. Und das ist auch der Grund, warum dieser Film ausgewählt wurde. 
Drei Tage nach dem Filmclub lief der Film auch im Fernsehen. Das passierte auch schon bei den Filmen 14, 17 und 26. Wir setzen offenbar Trends... Der Videotext von 3Sat jedenfalls sagt zu Playtime: "Monsieur Hulot schlendert verträumt durch das futuristische Paris. Er wird Zeuge der Monotonie der Moderne, verirrt sich in dessen Labyrinth und bringt es mit seiner Neugier durcheinander.“ Und weiterhin sei der Film ein Meilenstein der Filmgeschichte. Jaques Tati habe ein filmisches Ballett geschaffen, das keiner Geschichte bedürfe, sondern nur aus einer Verkettung von Bewegungen bestünde. 
Ballett trifft es recht gut. Wimmelbilder, wie M sich ausdrückte, trifft es noch besser. es passiert so viel, dass es unmöglich ist, alle Details zu erfassen. Dafür müsse man ihn fünf oder sechsmal anschauen. Und das ist auch der Grund, warum dieser Film ausgewählt wurde. 
Viel wichtiger als die Handlung waren aber die Bilder und vor allem die Geräusche. Cool waren die klackernden Schuhe und der seufzende Sessel. Aber deswegen muss mir der Film noch lange nicht gefallen. Besonders die unendliche Vielfalt an Grau machte mich ganz unruhig: grau, aschgrau, taubengrau, steingrau, mausgrau, silbergrau, himmelgrau, staubgrau. Überhaupt gab es viele Ähnlichkeiten mit Loriots Humor. Farben kamen in dem Film aber nicht vor. 
Genausowenig wie Sprache. Die Phantasiesprache aus Französisch, Deutsch, Englisch und unverständlichem Genuschel versteht jeder, auch ganz ohne Fremdsprachenkenntnisse.
 
Und ich stand mit meiner Meinung nicht allein — Meilenstein hin oder her. Warum sonst wurde erst über Freiburger Bobbeles und dann über Frisuren diskutiert? Warum sonst kehrte die Diskussion erst nach überdeutlicher Aufforderung wieder zum Film zurück? Warum sonst wurde während des Films sehr viel kommentiert, um die Spannungen zu lockern? Der kafkaeske Auftakt von bestimmt 15 Minuten, in denen die beiden Männer immer wieder aneinander vorbeilaufen, ohne sich zu begegnen, machte Frau L. jedenfalls wahnsinnig.
Natürlich wurde auch die Modernisierungskritik des Films positiv hervorgehoben, die Gleichförmigkeit und Gleichartigkeit, die ohne zu hinterfragen hingenommen wird. Obwohl des Thema hochaktuell ist und die Vision Taxis fast 50 Jahre nach Erscheinen des Films gar nicht so weit von der Realität entfernt ist, halten wir uns bei diesem Punkt nicht so lange auf…
 
Schade nur, dass die Paristouristen die Sehenswürdigkeiten nur in spiegelnden Glasscheiben zu sehen bekommen.
 

24. März 2016

Film 44: Thomas Crown ist nicht zu fassen (1968)

Thomas Crown ist nicht zu fassen (1968)

The Thomas Crown Affair von Norman Jewison mit Steve McQueen, Faye Dunaway, Paul Burke.

Was die Hübschigkeit der Schauspieler betrifft, war der Film einer der besseren. Allerdings war er ein unangenehmer Macho mit ungehobeltem Charakter, also zutiefst unsympathisch, und sie eine aufgedonnerte unmoralische Schönheit mit unerträglichen Fingenägeln. Das erste, was über sie bemerkt wurde, war denn auch ihre sich fortwährend ändernde Frisur. "Ein solches Haarteil kann ja als Waffe benutzt werden", höre ich jemanden in dem Durcheinander nach dem Film sagen.

Überhaupt, der Film. Der erfolgreiche und reiche Geschäftsmann Thomas Crown lässt Banken zum Vergnügen ausrauben. Er heuert dafür fünf Gangster an, die die Bank für ihn überfallen und ihm das Geld anschließend auf einem Friedhof abliefern. Nur er kennt sie, sie kennen sich nicht untereinander, haben sich vorher nicht und werden sich hinterher nie wieder treffen. Die Versicherungsagentin Vicky Anderson wird auf ihn angesetzt. Sie kenn keine Moral und ist bereit, buchstäblich alles zu tun, um ihn zu kriegen. Von Anfang an weiß sie, dass er es war und wie er es gemacht hat. Aber wie beweisen? Von Anfang an spielt sie mit ihm und schmeißt sich hemmungslos an ihn heran. Zu der Schlüsselszene fällt der Satz: "Was guckt ihr denn für schweinische Filme?" Dabei wird im Grunde nur eine Partie Schach gezeigt, die ihren Höhepunkt im "extatischsten Kuss der Filmgeschichte" (Covertext) findet. Es stellt sich heraus, dass er mit ihr spielt, sie sich in ihn verliebt hat und er sie vor die Wahl stellt: "Komm mit dem Geld nach oder nimm das Auto", woraufhin sie in Tränen ausbricht.

Diese letzte Szene ist denn auch die einzige des Films, die ernsthaft diskutiert wird. Verschiedene Interpretationen liegen jeweils zweifelsfrei auf der Hand. Sie weint aus Erleicherung, weil sie ihn liebt und er nicht geschnappt wird. Sie weint aus Verzweiflung, weil sie sich nicht zwischen Pflichtbewusstsein und Herzensangelegenheit entscheiden kann. Sie weint aus Wut, weil sie nicht weiß, wo das Geld ist und er sie und die gesamte Bostoner Polizei hereingelegt hat. Sie weint aus Freude, weil sie soeben einen Rolls Royce Silver Shadow, Baujahr 1967, geschenkt bekommen hat - für mich übrigens der heimliche Star des Films, Hübschigkeit der Schauspieler hin oder her. Möglich wäre auch, dass sie über die Gier der Schweizer Banken weint.

Für einen Film von 1968 ist er extrem modern. Split Screens werden geschickt mit Musik verknüpft eingesetzt, um die fünf unbekannten Gangster zu charakterisieren. Mit der Brennweite wird herumexperimentiert und die Schnittfolge ist zum Teil sehr schnell. Zu schnell. Steve McQueen könnte auch so auf die Straße gesetzt werden, er fiele gar nicht auf - meint jedenfalls Klauss. Die Schach-Szene ist wirklich ausgesprochen lasziv, heutzutage kaum denkbar in der Samstag-Abend-Unterhaltung. Über das Remake von 1999 mit Pierce Brosnan und Rene Russo spricht niemand.

Ansonsten sprechen wir über Umzüge. Den von Kollegin G. bedauern wir besonders, denn sie ist ja nun Ex-Kollegin G. und feierte heute ihren Abschied aus dem Filmclub. Beim nächsten Mal muss also ein G-Gedächtnisfilm gezeigt werden, denn sie wäre an der Reihe gewesen, einen Film auszuwählen. Alles Gute, G.

06. Februar 2016

Film 43: Die Reise ins Labyrinth (1986)

Die Reise ins Labyrinth (1986)
Labyrinth von Jim Henson mit David Bowie, Jennifer Connely, Toby Froud.
 
Was haben „A Beautiful Mind“, die Mondlandung und Fantasyfilme gemeinsam? Genau: Sie sind Teil des Bildungsfernsehens. Wir überlegen, wann wir unseren ersten Fernseher bekamen. Zur Mondlandung. Wir erst 1979, ohne besonderen Anlass. Doch bei uns war der Grund, dass Oma einen neuen Fernseher bekam, und wir den alten nehmen mussten. Ja, die ersten Programme waren noch echtes Bildungsprogramm! Oper und Ballett, Theater und Kultur. Das kam alles zu den Leuten nachhause. 
Die Pferdebesitzerin hat aber eben Fantasy geguckt. Und weil heute David-Bowie-Memorial-Day war, musste der Alan-Rickman-Gedächtnisfilm „Blow Dry — Über kurz oder lang“ ungesehen bleiben. (Obwohl er genauso wenig intensiv diskutiert wurde, wie das Labyrinth.)
 
Ein Fantasyfilm also, in dem David Bowie den Koboldkönig Jareth nicht nur spielt, sondern auch singt. Nichtsdestotrotz eine undankbare Rolle für ihn, aber er konnte immer enge Strumpfhosen tragen. Ob er wohl bei der Wahl seiner Pantalons mitwirken konnte? Das war eben die Mode damals, so wie Strukturumwandlung von Männerhaaren bei Karl-Heinz Rummenigge. Oh, diese Perücke!
 
In diesem Fall von Fantasy wünscht sich Sarah (Jennifer Connelly: Wie kann man mit 46 noch so jung aussehen?), die Kobolde aus ihrem Lieblingsbuch "Das Labyrinth“ würden ihren kleinen Halbbruder Toby holen. Als sie es tatsächlich tun, muss sie das Labyrinth des Koboldkönigs in 13 Stunden lösen, sonst wird Toby zum Kobold — was nicht das Schlechteste wäre, denn der schreit eigentlich immer unerbittlich, es sei denn, er ist in Gesellschaft der Kobolde. Die tanzen und lachen immer so fröhlich um ihn herum. Es scheint, als hat es ihm bei ihnen ganz gut gefallen. Hat Sarah ihren Bruder eigentlich gefragt, ob er denn gerettet werden möchte? Überhaupt sind die bösen Kobolde gar nicht so übel: hässlich zwar, aber witzig, typisch Bowie-musikalisch und immer gut drauf. Sogar wenn sie vermöbelt werden.
Sarah trifft im Labyrinth auf Hoggle, den feigen Zwerg. Auf Ludo, das gutmütige Monster, das mit Steinen reden kann (Steine - Freunde) und aussieht wie der Balrog aus Herr der Ringe. Auf Sir Didymus, den unerschrockenen Ritter mit der verdrehten Redeweise und Ambrosius, sein treues, aber ängstliches Hundepferd.
Alles in allem die alte Geschichte, die Miss Wiesenraute immer nicht liest. Ein Quest, möglichst unterschiedliche Charaktere, die eine Aufgabe lösen müssen, das aber nur gemeinsam tun können. Immerhin wurden alle grausamen Maschinen von kleinen, harmlosen Kobolden bedient. 
 
Also was lernen wir: 
  1. Die Sachen sehen manchmal anders aus, als sie erscheinen.
  2. Das Leben ist nicht fair. Aber so geht es hier zu.
  3. Trau niemals dem Wurm. 
Übrigens: Toby ist bei Fantasy geblieben. Fast 20 Jahre nach dem Labyrinth spielte er in „Herr der Ringe“ mit — als Ork.
 
15. Januar 2016
 

Film 42: Sherlock Holmes (2012)

Sherlock Holmes - Spiel im Schatten

Spiel im Schatten (A Game of Schadows) von Guy Ritchie, mit Robert Downey Jr., Jude Law, Jared Harris, Stephen Fry, Noomi Rapace

Also gut: zweiter Versuch mit einer Bemerkung vorweg: Heute hab ich gelernt, dass auch Notizen machen während der Diskussion nicht gern gesehen ist. Das sei so unkommunikativ, lenke ab und setze unter Druck.

Eigentlich müsste es ja heute „Per Anhalter durch die Galaxis“ zu sehen geben, denn es ist der 42. Film und ich bin es, der ihn aussuchen soll. Doch weil mir das Buch viel besser gefällt als der Film — anders als bei Herr der Ringe z.B. — wähle ich eine andere Romanadaption aus: Sherlock. Doch bevor es losgehen kann muss überhaupt erstmal geklärt werden, ob das Filmclubteffen stattfinden kann oder ob das ein Film außer der Reihe wird. Wir sind nämlich krankheitsbedingt nicht vollzählig. Nach einigem Hin und Her — und dem üblichen Willkommensredeschwall, der uns gegenseitig wieder aufs Laufende bringt — beschließen wir, dass wir den 42. Film anschauen wollen.

Die Handlung ist schnell erzählt: Der Superschurke Moriaty (herrlich schurkig gespielt von Jared Harris) heckt dank Superintelligenz, Superreichtum und Supermenschenkenntnis ein ganz böses Verbrechen aus: Er kauft Waffen, Verbandsmaterial und Medizin, um in einem von ihm selbst ausgelösten Krieg zwischen Deutschland und Frankreich der reichste Mann der Welt zu werden. Der Superdetektiv Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) setzt sich auf seine Fährte, entführt seinen Freund Dr. Watson (Jude Law) in die Flitterwochen und löst trotz dauernder dramatischer Rückschläge bravourös diesen Fall, verhindert den Krieg und erleichtert ganz nebenbei den Superverbrecher um seinen Superreichtum. 

Ob sich den Sherlock im Original auch schlagen würde, fragt die Gast-Geigerin als allererstes. Dann weist sie darauf hin, dass der Hauptdarsteller zwar boxen könne, die Fälle aber mit seinem Intellekt löse. Das sei ja gerade das Besondere an dieser Figur. Watson komme dem Original aber näher, der sei in früheren Verfilmungen stets ein trotteliger Klotz am Bein des messerscharf kombinierenden Helden gewesen. Hier komme er endlich auch zu seinem Recht. Die Pferdebesitzerin wendet ein, dass das ja wohl insgesamt nur eine Parodie sein könne.

Was denn diesen Film so bedeutsam für mich mache, will Miss Wiesenraute wissen. Wann das denn je gefragt worden sei, frage ich zurück. Die Hübschigkeit der Schauspieler natürlich. Und da gewinnt eindeutig Stephen Fry alias Mycroft Holmes: charmant, witzig, ein wenig versnobbt und nackt. Er ist es, der den Film adelt. Jude Law und Robert Downey Jr. sehen dagegen blass aus, obwohl sie auch keine Fehlbesetzung sind. Von letzterem könne man ein umfassendes Persönlichkeitsprofil erstellen, weil er den Filmschauenden aus so unterschiedlichen Rollen wie in Ally McBeal, Short Cuts oder diesem komischen Adelsfestfilm, in dem er den schwulen Sohn spielt — wie hieß der nur? —, oder Iron man bekannt ist. Für eine so verkorkste Figur sei er genau der richtige. Aber Benedict Cumberbatch sei besser, der müsse sich auch nicht schlagen. Naja.

Neben den Schauspielern werden auch die Special Effects gelobt und der Sound und die Sprache der upper class aus dem England des 19. Jahrhunderts. Die Filmzitate werden erwähnt und Guy Ritchie war der Mann von Madonna.

18. Dezember 2015

Film 41: Waltz With Bashir (2008)

Waltz With Bashir

von Ari Folman

O ha! Die neuen Ufer der neunten Runde liegen am Strand von Beirut während des ersten Libanonkrieges. Miss Wiesenraute mutet uns einen verstörenden Antikriegs-Dokumentar-Animationsfilm zu. Sehr beeindruckend, beklemmend und bedeutungsvoll.

Der Filmemacher Ari Folman wird eines nachts von seinem Kameraden Boaz aus Kriegstagen aus dem Bett geklingelt. Der erzählt ihm seinen immer wiederkehrenden Albtraum von 26 blutrünstigen Hunden, die kommen, ihn zu töten. Angestoßen von dem Traum des Kameraden stellt Ari fest, dass er all die Erlebnisse verdrängt hat, sich auch jetzt an nichts erinnern kann — an nichts, bis auf eine Szene am Strand von Beirut.

Damit ist der Plot des Films vorgegeben: Ari sucht Freunde und ehemalige Soldaten auf, die ihm helfen sollen, seine Erinnerung wiederzufinden. Das Bild aus seiner Erinnerung erweitert sich immer mehr, je weiter seine Erinnerungen zurückreichen und es stellt sich dabei nach und nach als nicht real erlebtes sondern als ein Traumbild heraus:

Ari nimmt mit zwei seiner Kameraden ein nächtliches Bad am Strand von Beirut. Vom Himmel fallen unzählige Sterne — Leuchtgranaten, die die Stadt in unwirkliches Licht hüllen. Die drei Teenager ziehen sich an und treffen auf den Weg durch die menschenleere Stadt plötzlich auf eine Gruppe wehklagender und verzweifelter Frauen. Das ist alles.

Auf seinem Weg in die Vergangenheit trifft Ari auf seinen Freund Carmi, der sich mit drei Jahren Falafel-Verkauf in Holland eine neue Existenz aufgebaut hat. Auf seinen Freund Ori, der ihm als Therapeut die Fallstricke der Traumdeutung erläutert. Auf Ronny, der verstörend neutral von allem berichtet. Auf Frenkel, den Krieger, der der israelischen Armee als Material Arts-Spezialist noch lange nach dem Libanonkrieg gedient hat. Und auf den Journalisten Ron Ben-Yishai, der Ari als Vorbild für Unerschrockenheit und Aufrichtigkeit diente.

Alle Geschichten des Films, alle Personen und Begebenheiten basieren auf Fakten und Interviews, die Ari mit seinen ehemaligen Weggefährten gemacht hat. Dazwischen werden im Film immer wieder Traumsequenzen eingespielt, sodass der Zuschauer bald wie Ari rätselt, was Traum und was Wirklichkeit ist.

Und dann konnte ich nicht mehr weiterschreiben. Nach Wochen und Wochen hab ich mich wieder drangesetzt. Erst war ich zu verstört durch den Film, dann hatte ich vergessen, was nachher gesagt wurde. Gelernt habe ich jetzt jedenfalls, dass es viel schwieriger ist, einen solchen Beitrag zu schreiben, als ich dachte...

20. November 2015

Film 40: Stage Beauty (2004)

Stage Beauty (2004)

mit Billy Crudup, Claire Danes, Rupert Everett, Zoe Tapper, Richard Griffiths, Ben Chaplin

Endlich mal wieder ein Film, der zu der Kategorie "Hübschigkeit der Schauspieler" passt. Bis in die Nebenrollen prominent und vor allem passend besetzt überzeugen die Darsteller in teils stark überzeichneten Rollen. 

Allen voran Crudup als der tragische Held Ned Kyneston, ein Theaterschauspieler im England des 17. Jahrhunderts, der sich auf die weiblichen Rollen spezialisiert hat. Denn Frauen war es verboten, auf der Bühne zu stehen. Kyneston hatte das Zeug zum Superstar, vor allem durch seine Rolle als Desdemona aus Shakespeares "Othello" flogen ihm die Sympathien der Frauen wie Männer gleichermaßen zu. Der einen wegen der übertrieben damenhaft leidenden Rolle, den anderen wegen der Darstellung der idealen hingebungsvollen Frau. Als solche wird Kyneston auch von seinem Liebhaber und stillem Unterstützer Sir George Villier II, dem Duke of Buckingham, gesehen. 

Das Spiel mit den Geschlechtern findet ein jähes Ende, als König Charles II (hinreißend nebensächlich: Rupert Everett) beschließt, dass Frauenrollen nur noch von weiblichen Schauspielerinnen gespielt werden dürfen. Jetzt schlägt die Stunde von Maria, der Garderobiere Kynestons (Claire Danes: wie gewohnt hübsch und blass), die ihn glühend verehrt und heimlich nachgeahmt hat. Sie steigt zum hellsten Stern der neu geborenen Branche der Schauspielerinnen auf und erbt damit den Ruhm und das Rampenlicht ihres ehemaligen Vorbilds. Zugleich bricht es ihr das Herz, den Mann, den sie liebt, untergehen zu sehen.

Kyneston, seiner Lebensgrundlage beraubt, wird ohne die Zuneigung des Publikums auf sich selbst zurückgeworfen. Ohne selbst zu wissen, ob er Mann oder Frau sein will, lässt er sich in den abgerissensten Spelunken begrapschen - für ein paar Münzen. Es ist Maria, die ihn aus dieser Lage befreit und ihm zeigt, dass er nicht nur Frau, sondern auch Mann sein kann. Und das auf eine ziemlich profane, körperliche Weise: Sie probieren wechselseitig Sexstellungen aus. Schließlich werden Marie als Desdemona und Kyneston als Othello auf dem - natürlich dramatisch zugespitzten - Höhepunkt frenetisch gefeiert. 

Die Diskussion über den Film beschränkt sich auf die Frage, was von dem Film historisch gesichert ist und was nicht: der in allen Belangen barocke und damit anachronistische Sir Charles Sedley (herrlich komisch: Richard Griffiths) gehört jedenfalls nicht dazu. Historisch belegt ist zumindest die Figur des Kyneston, die Tatsache, dass auch Frauenrollen nur von Männern gespielt werden durften, dass dieses Gebot aufgehoben wurde, und dass die Theater in London in einem harten Konkurrenzkampf um die Gunst des Königs und seines Hofes waren.

Wäre unser Filmclub-Theologe da gewesen, hätten wir auch über die hintergründige christliche Symbolik des Leidens durch die Ambivalenz der Geschlechter gesprochen. Soviel ist sicher. Und: Die achte Runde ist vorbei, auf gehts zu neuen Ufern am 20. November.

09. Oktober 2015

Film 39: Charade (1963)

Charade

mit Audrey Hepburn, Cary Grant, Walter Matthau, James Coburn

 

29. August 2015

Ach doch! Jetzt fällt mir wieder ein welcher Film Nr. 38 war. Aber an die Diskussion kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

Film 38: Star Trek (2009)

Star Trek (2009)

mit Chris Pine, Zachary Quinto, Leonard Nimoy, Karl Urban, Zoe Saldana, Simon Pegg, John Cho, Anton Yelchin

Das nun folgende ist also frei erfunden. Frau L. beklagt sich über die Vorhersagbarkeit der Handlung. Irgendjemand sagt, dass er einen solchen Film von mir aber nicht von der Pferdebesitzerin erwartet hätte. Wir verbünden uns und verteidigen den Film, seine herausragenden special effects, die Hübschigkeit der Schauspieler, die gelungene Nähe zur Original-Fernsehserie aus den 60er Jahren usw. 

Aber es nützt alles nichts. Die Damen und Herren Kollegen sind nicht davon abzubringen, dass dies ein durchschnittlicher Actionfilm sei. Banausen.

10. Juli 2015

Film 37: Dead Poets Society (1989)

Dead Poets Society (1989)

Der Club der toten Dichter mit Robin Williams, Robert Sean Leonard, Ethan Hawke, Kurtwood Smith

Kobra, übernehmen Sie! Leider, leider hat Kollegin Wiesenraute ihren Blog aufgegeben. Und damit auch das Schreiben über unseren kleinen aber feinen Filmclub. Da ich aber immer so begeistert davon war, konnte ich sie davon überzeugen, dass ich diese Kolumne anstatt ihrer weiterführen darf. Hier also mein kleiner Beitrag.

„Was? Es gibt keinen Action-Müll? Das brauch ich jetzt aber“ leitete Frau L. den Filmabend ein. Eigentlich sollte es als Robin-Williams-Gedächtnisfilm Jumanji zu sehen geben, aber die technischen Möglichkeiten waren nicht genügend aufeinander abgestimmt. Deshalb also jetzt den Club der toten Dichter. Und dazu noch auf englisch. Das ist eigentlich ein Muss bei diesem Film.

Gefühlt schon siebzehn Mal gesehen, in der Anstalt bei diversen Gelegenheiten durchgekaut, und doch – überraschender Weise – war der Film nicht allen bekannt. Natürlich geht es um Gemeinschaft, um Freundschaft und Loyalität. Und um den Kampf, zu sich selbst zu finden.

Wir diskutieren erstaunlich offen über den Tod – Neil Perry bringt sich um, nachdem er von seinem Vater für weitere 10 Jahre in eine Ausbildung gezwungen wurde, die er nicht wollte – und lassen uns dabei erneut inspirieren von unserem Dauergast-Theologen. Auch stellen wir einmütig fest, dass es leichter ist, ein beliebter Lehrer zu sein, wenn man jung und neu in eine alte und verkrustete Struktur hineinkommt – die Motive des Mr. Keating, sich an seine alte Schule zu begeben, an der er selber gelitten hat, bleiben aber vage.

Legendär und in der Anstalt gut zu gebrauchen ist die Anrede aus dem Whitman-Gedicht: „Oh Captain, my Captain!

21. März 2015

Schluss, aus, vorbei!

„Ich habe keine Lust mehr, in dieses Internetz zu schreiben“ prangte eines Tages kurz nach unserem letzten Filmclubtreffen auf der Internetseite von Miss Wiesenraute. Schockschwerenot! Genau da, wo ich schon sehnsüchtig den Artikel über Dead Poets Society erwartete. Und für diesen Zweck täglich mindestens zwei Mal nachschaute. Und auch schon mal bei der Autorin nachgebohrt hatte, wo denn der Artikel bliebe. Genau da stand nun also „Schluss, aus, vorbei.“

Niemand mehr, der unsere mal lustigen, mal lästigen, unsere mal geistreichen, mal Geist gleichen, unsere mal gepfefferten, mal ungesalzenen Diskussionen über die gesehenen Filme zu Papier bringt. Pardon: aufschreibt. Keine Berichte mehr über eingeschlafene Füße oder Kolleginnen, keine Klagen mehr über am Bechdel-Test kläglich gescheiterte Filmbeiträge, keine Dokumentation der meist ebenso treffend wie scharfen Kommentare der Frau L. (Mein Favorit ist und bleibt: „Das Böse frisst die Fische roh.“)

Nach der Entscheidung von Miss Wiesenraute, ihren Blog aufzugeben, tauchte die Frage auf, ob, und wenn ja, wie denn die Inhalte gesichert werden könnten. Elektronisch natürlich. Das Internetz vergisst nie.